Dienstag, 6. Dezember 2016

SBB: Erste Klass adé!

© Peter Josika (NZZ)
Während die Bahngesellschaften anderer Länder ihre Premium-Angebote ausbauen, setzt die SBB auf weniger Service für mehr Geld. Die Schliessungen der SBB Lounges in Zürich und Genf sind nur das “Tüpflein auf dem I”.

Die SBB schliessen Ende Jahr ihre zwei 1. Klasse Lounges in Zürich und Genf. Das im Vergleich zu den Nachbarländern ohnehin dürftige Netz an Lounges wird nun komplett dicht gemacht. Begründet wird die Massnahme damit, dass solche Premium-Warteräume aufgrund der kurzen Taktintervalle in der Schweiz unzureichend belegt seien. Laut SBB benützen nur 5% der international Reisenden und 1% der GA-Besitzer die Lounges. 

Irreführende SBB Kommunikation

Einem regelmässigen Besucher der Lounge in Zürich wird dies überraschen. Die vier Räume über der Apotheke am Hauptbahnhof sind die meiste Zeit extrem gut belegt. Die Lounge ist manchmal sogar so voll, dass keine Sitzplätze mehr frei sind. Selbst in den Lounges viel grösserer Städte benachbarter Länder, wie jener in Stuttgart, München oder Wien, kommt dies so gut wie nie vor. 

Dass der Prozentsatz der Lounge-Nutzer in der Schweiz trotzdem niedriger ist als in Deutschland und Österreich, sollte die SBB kaum überraschen. Alleine in Österreich, einem Land mit einer ähnlichen Einwohnerzahl und zudem deutlich weniger Bahnreisenden als der Schweiz, gibt es sieben Lounges, die kleinste im nichtmal 100'000 Einwohner zählenden Klagenfurt. Die Lounges in Zürich und Genf erreichen daher nur einen Bruchteil der potentiellen Clientelle. 

Ausserdem ist das Eintrittsregime der SBB Lounges weitaus restriktiver als in den Nachbarländern. Nur 1. Klasse Fahrkarten im internationalen Bahnverkehr und Besitzer eines 1. Klasse Generalabonnements werden hineingelassen. Selbst wenn man sich ein sündteures 1. Klasse Billett von Zürich nach Genf zum Vollpreis gönnt, findet man an beiden Standorten keinen Einlass. In Wien reicht bereits eine 1. Klasse Fahrkarte von Wien nach Wiener Neustadt, um in den Genuss der dortigen Lounge zu kommen. 

Falsche Standortwahl

Dass die Lounge in Genf vergleichsweise weniger Verkehr generiert, sollte die SBB ebenfalls alles andere als überraschen. Auch wenn Genf die zweitgrösste Stadt der Schweiz ist, liegt der Bahnhof Genf-Cornavin nur an neunter Stelle im Land was das Passagieraufkommen betrifft. Wenn es den SBB wirklich daran gelegen wäre, ihre Lounges zu füllen, hätten sie sie in Basel und Bern, und sicherlich nicht in Genf eröffnen müssen. Sogar in Oerlikon, Stadelhofen, Luzern und St. Gallen wäre das Potential weitaus grösser als in Genf. 

In Basel war ja auch bis vor kurzem eine Lounge im Rahmen der Renovierung des Durchgangs zum Elsässerbahnhof geplant. Aus dieser wird wohl jetzt nichts mehr, auch wenn sie sicherlich sehr gut besucht wäre. 

Gegen den internationalen Trend

Die Schliessungen der Lounges stehen auch im krassen Gegensatz zum internationalen Trend. Der Bedarf nach Premium Einrichtungen, wie Lounges, wächst zurzeit im Schienenverkehr europaweit rasant an. In Österreich, Deutschland und Frankreich werden die Lounges gerade renoviert und erweitert. Für die ÖBB gilt die Zürcher Lounge sogar als Vorbild. In Wahrheit sind die SBB-Schliessungen also nichts anderes als eine unbedachte kurzfristige Entscheidung, um schnell Kosten zu reduzieren. 

Höhere Preise bei stetig abnehmendem Service

Die SBB arbeiten auch sonst schon seit Jahren fest daran, einerseits die Preise für 1. Klasse Passagiere überdurchschnittlich zu erhöhen, andererseits aber den Service zu beschneiden. Der Umstieg vom alten IC-Rollmaterial auf die Siemens-Desiro und Dosto-Kiss Doppelstockgarnituren im Regionalverkehr führte zu einer spürbaren Verschlechterung der Platzverhältnisse und des Sitzkomforts. Für jene, die sich ein 1 Klasse Billett leisten, um im Zug zu arbeiten, sind daher schon längst schlechtere Zeiten angebrochen. 

Die SBB verscherzen es sich aber nicht nur mit ihren inländischen Stammkunden, sondern auch mit internationalen Reisenden und den Partnergesellschaften im Ausland. Im Rahmen der Schaffung der Rail Team Alliance mit einigen europäischen Bahngesellschaften im Jahre 2007 verpflichtete sich die SBB Premium-Warteräume an allen grösseren Bahnhöfen zu errichten. 

Diese Verpflichtung wird nun stillschweigend gebrochen. Besitzer von Premium Bahnkarten aus allen Railteam-Ländern, inklusive dem Schweizer GA 1. Klasse, haben ja zurzeit das reziproke Recht auf Zugang in alle Partner-Lounges. Auch dieses Privileg wird wohl nun bald für Schweizer Passbesitzer der Vergangenheit angehören. 

Reinfall Swiss Pass   

Schon die unbedachte Einführung des Swiss Pass führte zu grosser Verwirrung im Ausland. Die SBB haben vergessen, dass Schweizer Pässe auch im Ausland teilweise Gültigkeit haben, dort aber keine Maschinen zur Erkennung der Pässe existieren. Da auf dem Swiss Pass nicht mehr vermerkt steht, ob es sich um ein GA 1. oder 2. Klasse, um ein Halbtax oder gar nur um eine ungenutzte Karte handelt, müssen Reisende seit kurzem für vergünstigte internationale Fahrkarten und dem Zutritt zu den Partner Lounges separate Bestätigungen mitführen. Nur diese beinhalten die notwendigen Informationen, die bei Railpässen im Ausland immer klar ersichtlich auf der Karte stehen. 

Das einstige Ziel der SBB, Reisende im gehobenen Marktsegment von der Strasse auf die Schiene zu locken, wurde nun offenbar über Bord geworfen. Im Jahr 2009 schwärmten die SBB noch vom Erfolg ihrer Lounge in Zürich und dachten laut über bediente Plätze auf der Gotthardstrecke sowie Premium-Abteile für Geschäftsreisende nach. Heute ist das alles vergessen und es gilt das Motto:“Less service for more money made in Switzerland by SBB”. 

Peter Josika ist ein in der Schweiz lebender österreichischer Manager, Historiker und Politikwissenschaftler. Neben seiner Tätigkeit in der Telekommunikationsbranche, schreibt er Artikel, Blogs und Kommentare in den Themengebieten Transport, Demokratie, Zentralismus, Föderalismus, Europapolitik, Minderheiten und Menschenrechte. Er ist Autor des Buches „Ein Europa der Regionen- Was die Schweiz kann, kann auch Europa“, das im IL Verlag, Basel, erschienen ist. 





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